Berufsbildungswerk Leipzig für Hör- und Sprachgeschädigte gGmbH

Rückschau auf den 8. Leipziger AVWS-Fachtag 2025

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Die Magie des zentralen Hörens

Wir blicken zurück auf Professor Dr. Marc Schönwiesners Vortrag zum Zentralen Hören auf dem 8. Leipziger AVWS-Fachtag 2025. Im Fokus stehen die faszinierenden Prozesse der auditiven Verarbeitung, Maskierung und die enorme Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns. Mit anschaulichen Beispielen beleuchten wir, warum Hören weit mehr als ein passiver Vorgang ist.

Chapter 1

Subjektives Hören und zentrale Verarbeitung

Katharina Kubitz

Herzlich willkommen zu unserer heutigen Rückschau auf den AVWS-Fachtag 2025. Wie in dieser Podcast-Reihe üblich, stellen wir Ihnen die wichtigsten Erkenntnisse der auf dem Fachtag stattgefundenen Vorträge vor. Wir widmen uns heute mal ganz dem Hören, aber nicht nur dem Ohr, sondern vor allem dem, was unser Gehirn so damit anstellt.

Katharina Kubitz

Grundlage ist ein wirklich spannender Vortrag von Professor Dr. Marc Schönwiesner. Er ist Hörforscher und Professor für Neurobiologie an den Universitäten Leipzig (seit 2016) und Montreal (seit 2008).

Katharina Kubitz

Fassen wir mal die wichtigsten Punkte zusammen. Nicht wahr, Oliver?

Dr. Oliver Zetsche

Das machen wir, Katharina! Und hallo an alle Zuhörenden! Ich freu mich total, dass wir heute mal so richtig ins zentrale Hören eintauchen. Das ist ja wirklich ein faszinierendes Thema, oder?

Katharina Kubitz

Absolut! Und ich finde, das knüpft auch super an unsere bisherigen Folgen an. Wir haben ja schon öfter darüber gesprochen, dass Hören eben nicht nur im Ohr passiert. Heute schauen wir uns das mal ganz genau an – und zwar mit den spannenden Impulsen aus Professor Schönwiesners Vortrag. Er hat ja sehr anschaulich erklärt, wie aus einer physikalischen Schallwelle erst im Gehirn überhaupt Bedeutung wird.

Dr. Oliver Zetsche

Genau! Das periphere Hören, also das, was im Ohr und im Hörnerv passiert, ist eigentlich nur der Anfang. Das ist sozusagen die Hardware. Aber das Zentrale Hören – das ist die Software, die alles interpretiert. Und das kann total unterschiedlich ausfallen. Ich fand das Beispiel mit der Lautstärke so einleuchtend: Zwei Menschen hören das gleiche Geräusch, aber für den einen ist es kaum wahrnehmbar, für den anderen fast unerträglich.

Katharina Kubitz

Ja, das kenne ich auch aus meiner Arbeit. Da sitzen zwei Jugendliche im gleichen Raum, der eine sagt: „Boah, dieser Lüfter macht mich wahnsinnig!“, und der andere: „Welcher Lüfter?“ Das ist so typisch. Und das zeigt, wie subjektiv unser Hören ist. Schönwiesner hat ja auch Misophonie als Extrembeispiel genannt – also diese Überempfindlichkeit gegen bestimmte, oft ganz leise Geräusche wie Kauen oder Tippen. Für Betroffene ist das wirklich eine Qual, obwohl es objektiv gar nicht laut ist.

Dr. Oliver Zetsche

Total! Und das ist eben der Punkt: Die Messgeräte zeigen vielleicht kaum einen Unterschied, aber das Gehirn bewertet und verstärkt das. Das ist ein aktiver Prozess, kein passiver. Ich glaube, das wird oft unterschätzt.

Katharina Kubitz

Und das ist ja auch das Spannende an AVWS – wie wir in der letzten Folge schon besprochen haben: Es geht nicht nur darum, ob jemand „gut hört“, sondern wie das Gehörte im Kopf verarbeitet wird. Das ist ein riesiger Unterschied!

Chapter 2

Maskierungseffekte und ihre Bedeutung – energetisch vs. informationell

Dr. Oliver Zetsche

Und genau da setzt Schönwiesner mit dem Thema Maskierung an. Er unterscheidet ja zwischen energetischer und informationeller Maskierung. Energetisch ist eigentlich ganz simpel: Ein lautes Geräusch überdeckt ein leiseres, das passiert schon im Innenohr. Der MP3-Algorithmus nutzt das übrigens auch – der filtert Töne raus, die wir wegen lauterer Geräusche eh nicht hören würden. Deshalb sind MP3-Dateien so klein.

Katharina Kubitz

Stimmt, das fand ich auch spannend. Bis zu 90 Prozent der Daten werden da einfach weggelassen, und wir merken es kaum, weil unser Gehör das sowieso nicht unterscheiden kann. Aber dann gibt’s ja noch die andere Seite – die informationelle Maskierung.

Dr. Oliver Zetsche

Ja, das ist die berühmte Cocktailparty-Situation. Es ist gar nicht so laut, aber viele Leute reden durcheinander, und plötzlich versteht man kaum noch was. Das liegt daran, dass das Gehirn Schwierigkeiten hat, ähnliche Schallquellen auseinanderzuhalten. Es muss sich richtig anstrengen, eine Stimme rauszufiltern und die anderen zu unterdrücken. Das ist kognitiv total anspruchsvoll.

Katharina Kubitz

Und das ist ja gerade für Kinder ein riesiges Problem. Schönwiesner hat erklärt, dass das zentrale Hörsystem bei Kindern noch gar nicht voll ausgereift ist. Die Fähigkeit, Störgeräusche auszublenden, entwickelt sich erst bis etwa zum zwölften Lebensjahr. Das heißt, Lärm im Klassenzimmer ist für Kinder noch viel belastender als für Erwachsene.

Dr. Oliver Zetsche

Genau! Und das bindet kognitive Ressourcen, die dann fürs Lernen fehlen. Deshalb ist eine gute Raumakustik so wichtig – weniger Hall, weniger Lärm, das entlastet das Gehirn enorm. Ich hab das selbst mal in einer Schule erlebt: Nach einer Akustikmaßnahme waren die Kinder viel konzentrierter und weniger erschöpft. Das ist echt ein Gamechanger.

Katharina Kubitz

Und das Gehirn kann ja sogar Lücken füllen, wenn mal was fehlt – zum Beispiel bei Sprache. Das ist auch so eine Superkraft, die Schönwiesner beschrieben hat. Und räumliche Trennung hilft auch: Wenn wir wissen, aus welcher Richtung die Zielstimme kommt, kann das Gehirn sich viel besser darauf konzentrieren.

Dr. Oliver Zetsche

Ja, das ist wirklich faszinierend. Und das zeigt, wie aktiv unser Gehirn beim Hören ist – es sortiert, filtert, ergänzt. Und trotzdem gibt es Grenzen, gerade wenn viele ähnliche Geräusche gleichzeitig auftreten. Das ist dann die große Herausforderung, vor allem für Menschen mit AVWS.

Chapter 3

Neuronale Plastizität – Das anpassungsfähige Gehirn

Katharina Kubitz

Was mich am meisten beeindruckt hat, war dieser Teil zur Plastizität – also wie anpassungsfähig unser Gehirn beim Hören ist. Schönwiesner hat ja von Experimenten erzählt, wo zum Beispiel die Ohrmuschel mit Silikonteilen verändert wurde oder eine minimale Zeitverzögerung auf einem Ohr erzeugt wurde. Plötzlich war das Richtungshören komplett durcheinander!

Dr. Oliver Zetsche

Ja, und das Erstaunliche: Viele Menschen haben sich innerhalb weniger Tage daran gewöhnt und konnten wieder korrekt räumlich hören. Das Gehirn lernt also, mit den neuen Bedingungen umzugehen. Aber – und das fand ich besonders spannend – das klappt nicht bei allen gleich gut. Manche passen sich blitzschnell an, andere brauchen Wochen oder schaffen es kaum, obwohl sie eigentlich normal hören.

Katharina Kubitz

Das ist wirklich faszinierend. Und ehrlich gesagt, ich frage mich oft, woran das liegt. Weiß man da schon mehr?

Dr. Oliver Zetsche

Nee, das ist tatsächlich noch ein großes Rätsel. Es gibt riesige individuelle Unterschiede in dieser neuronalen Plastizität, aber warum das so ist, das weiß man noch nicht genau. Das ist ein super spannendes Forschungsfeld!

Katharina Kubitz

Und das wirft ja auch die Frage auf: Wenn unser Gehirn so unterschiedlich mit Schall umgeht, wie müssten wir dann eigentlich unsere akustische Umwelt gestalten? Also, wie schaffen wir Räume, in denen möglichst viele Menschen gut hören und verstehen können – egal, wie ihr Gehirn verarbeitet?

Dr. Oliver Zetsche

Genau! Das betrifft ja nicht nur Klassenzimmer, sondern auch Großraumbüros, Konferenzräume, eigentlich überall, wo viele Menschen zusammenkommen. Ich glaube, da gibt’s noch viel zu tun – und auch viel Potenzial für technische Innovationen, die Menschen mit unterschiedlichen Hörverarbeitungen unterstützen können.

Katharina Kubitz

Das ist auf jeden Fall ein Thema, das uns noch länger begleiten wird. Ich nehme aus Schönwiesners Vortrag vor allem mit: Hören ist kein passiver Vorgang, sondern ein aktiver, interpretierender Prozess, der sich ständig anpasst – und das auf ganz individuelle Weise.

Dr. Oliver Zetsche

Absolut! Und ich bin gespannt, wie sich die Forschung dazu weiterentwickelt. Passenderweise werden wir in einer der nächsten Folgen einmal genauer auf technische Lösungen eingehen, die das zentrale Hören unterstützen. Herr Willenberg hat dazu ja auch auf dem Fachtag referiert.

Katharina Kubitz

Das klingt nach einer super Idee, Oliver. Für heute sagen wir Danke fürs Zuhören – und bis zum nächsten Mal!

Dr. Oliver Zetsche

Machen Sie es gut, bleiben Sie neugierig – und bis bald, Katharina!

Katharina Kubitz

Tschüss, Oliver! Tschüss an alle!